text dialog konzeption
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Sprachgeschichte(n)

 

Besonderheiten und Merkwürdigkeiten der deutschen Sprache: Das ist das Thema meiner Sprachgeschichte(n). Vielleicht

enthalten sie den einen oder anderen Aha-Effekt und geben Anregungen, um bei eigenen Texten mit den Möglichkeiten des Deutschen zu spielen.

 

Los geht's heute mit dem allmächtigen Präsens.

 

Eine Form für alle Zeiten.

„Ich fahre morgen nach München.“ Ein einfacher, klarer und richtiger Satz. Stopp! Es geht um ein Ereignis in der Zukunft und hier

ist doch im Deutschen das Futur I und nicht das Präsens zuständig. Also müsste der Satz doch eigentlich korrekt lauten: „Ich werde

morgen nach München fahren.“ Kann man machen, muss man aber nicht: Im Deutschen ist das Präsens ein Allround-Talent, mit

dem man Gegenwart, Zukunft und auch die Vergangenheit erledigen kann.

 

Mit dem Präsens in die Zukunft.

Der Satz vom Anfang ist also richtig. Da das Adverb „morgen“ schon auf die Zukunft verweist, erspart man sich bei der Bildung des

Verbs einen weiteren Hinweis – es ist ja auch so schon alles gesagt. Diese Variante – das „futurische Präsens“ – ist im Alltag weit

häufiger zu hören als das Futur I. Wer seinen eigenen Sprachgebrauch einmal genauer beobachtet, wird das sicher bestätigen. Und

dabei handelt es sich keinesfalls um eine aktuelle Verwässerung, wie emsige Sprachhüter vielleicht vermuten. Schon der grandiose

Stilist Theodor Fontane schreibt in einem Brief am 29. April 1890 an Georg Friedlaender: „In den nächsten Tagen schicke ich Ihnen

„Stine“ einen eben erschienenen Roman von mir.“

 

Die Vergangenheit in die Gegenwart geholt.

Den Satz zur Einleitung des Fontane-Zitats aufmerksam gelesen? Dann ist vielleicht aufgefallen, dass hier eine weitere Verwendung

des Präsens drinsteckt: die Gegenwartsform „schreibt“, die sich auf ein Ereignis in der Vergangenheit bezieht. Man hätte stattdessen

auch „schrieb“ verwenden können. Wobei sich jetzt die Frage stellt: Macht das einen Unterschied? Sicher keinen großen, aber es gibt

doch eine andere Nuance, auf die es ja in guten Texten ankommt: Mit dem Präsens hole ich Fontane als Gewährsmann für meine

Ausführung näher an die Gegenwart heran. So macht das „historische Präsens“ Vergangenheit lebendiger – ein gern genutzter Kniff,

auch um Darstellungen zurückliegender Ereignisse etwas mehr Dramatik zu verleihen.

 

Auch bei Verwendung vom Präsens für zukünftige Ereignisse besteht nach meiner Ansicht ein Unterschied zum Futur I. Ist „Ich fahre

morgen nach München.“ eher eine neutrale Aussage, die vom Publikum mit einem „Ahja, schön.“ quittiert wird, so stehen bei „Ich werde morgen nach München fahren.“ Plan und Absicht mehr Vordergrund. Man wäre fast enttäuscht, wenn jetzt keine Erklärung folgt, warum

in aller Welt dieser Plan gefasst wurde. „Ich werde morgen nach München fahren. Und dann sorge ich dafür, dass Kompanys Truppe

nicht gegen Pauli gewinnt.“ OK, alles klar – aber mit diesem Beispiel sind wir trotz aller Zuneigung fürs Millerntor beim Konjunktiv Irrealis gelandet – und damit bei einem neuen Thema.

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© Thorsten Schwerdt